HB Magazin 3 2024
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Große Bandbreite an positiven Effekten „Wir haben eine unglaublich große Bandbreite an positi ven Effekten, die erzielt werden können, wenn man technolo gische Innovationen adäquat und zielgerichtet einsetzt“, sagt Dr. Sandra Strube-Lahmann. Eine höhere Patientensicherheit, bessere Versorgungsqualität, die Vermeidung von Unter-, Fehl- und Überversorgung sowie ein enormer Gewinn in der Prävention – für die Pflegewissenschaftlerin liegen die Vorteile der Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung im Allgemeinen und in der Versor gung älterer Menschen im Besonderen klar auf der Hand. In gut 20 Projekten untersucht die Forschungsgruppe Geriatrie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin die Themen Alter, Gesundheit und Technik. „Stay@Home – Treat@Home“ ist eins davon. Sandra Strube-Lahmann leitet die AG Pflegeforschung, einen Teilbereich der Forschungsgruppe Geriatrie. „Gerade mit Blick auf die eigene Häuslichkeit und auf die ambulante Versorgung älterer Menschen muss die interprofessionelle Zusammenarbeit gestärkt werden. Das ist immer noch nicht gut gelungen“, sagt sie. In der akademischen Pflege entstünden momentan neue Rollenprofile wie Advanced Nur sing Practise oder Community Health Nurse. Pflegefachpersonen könnten deutlich mehr Kompetenzen erlangen und direkt vor Ort die Betreuung älterer Menschen übernehmen. „Im Zusammenspiel mit digitalen Innovationen wird das dann richtig interessant“, meint Strube-Lahmann. Denn mit technologischen Innovationen sind auch neue Per spektiven und Kommunikationswege möglich. Beispielsweise könne man mit Wundscannern die Tiefe von Wunden messen und die Informationen per Videotelefonie den ärztlichen Kolleg:innen schnell zur Verfügung stellen. Dafür muss natürlich die Telemati kinfrastruktur deutlich ausgebaut und eine telebasierte Versorgung sichergestellt werden. In diesem Spannungsfeld digitale Lösun gen und technologische Innovationen weiterzuentwickeln ist für Sandra Strube-Lahmann von großer Bedeutung. Denn: „Viel Versor gung findet in der eigenen Häuslichkeit statt.“ Laut Statistischem Bundesamt sind in Deutschland aktuell fünf Millionen Menschen pflegebedürftig. Davon sind etwa ein Drittel hochbetagt, überwie gend sind es Frauen. Rund vier von fünf Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, meist durch pflegende Angehörige und zusätzli che Unterstützung durch ambulante Pflegedienste. Rund ein Fünf tel der pflegebedürftigen Menschen lebt in Pflegeheimen. „Immer mehr Menschen werden älter und pflegebedürftig, gleichzeitig wird weniger Pflegepersonal zur Verfügung stehen. Deshalb braucht es neue Wege in der Versorgung – um die Teilhabe älterer Menschen zu stärken und bestehende Ressourcen in der Pflege optimal zu nut zen“, erläutert Sandra Strube-Lahmann. So ähnlich lauteten schon zwei Empfehlungen der Kommission des achten Altersberichts der Bundesregierung, der 2020 unter dem
Titel „Ältere Menschen und Digitalisierung“ veröffentlicht wurde: „Digitale Technik sollte pflegende Angehörige und professionelle Pflegepersonen unterstützen und entlasten sowie deren Gesund heit erhalten. Digitale Technik sollte hilfe- und pflegebedürftigen Menschen mehr Autonomie und Teilhabe ermöglichen.“ Wie das in der Praxis umgesetzt werden könnte, wird in Berlin erforscht. Sandra Strube-Lahmann ist in der Lage, viele Beispiele aneinander zureihen, wenn sie von den Vorteilen neuer Technologien erzählt, die ein scheinbar kleines Problem adressieren, aber eine große Wir kung entfalten können – für Pflegebedürftige, ihre Angehörigen oder professionelle Pflegefachpersonen. Da gibt es unter anderem Tools wie Blasenultraschallsensoren, die bei Inkontinenz eingesetzt wer den und über die der Blasenfüllstand gemessen werden kann. Da durch ist es möglich, rechtzeitig auf die Toilette zu gehen. Das Inkon tinenzmaterial bleibt trocken, was präventiv gegen Hautschäden wirkt, die durch zu langen Kontakt mit Urin resultieren können. Ein unerwarteter Nebeneffekt, der durch die Forschung erkannt wurde: Wissen Patient:innen mit Inkontinenz, dass sie rechtzeitig über den nächsten Toilettengang informiert werden, trinken sie auch mehr – denn die Sorge vor dem Kontrollverlust wird gemindert. Auf diese Weise kann einer Dehydration und daraus resultierenden Verwirrt heitszuständen von vornherein entgegengewirkt werden. Das ist gerade im hohen Alter wichtig, wenn das Durstgefühl ohnehin nach lässt. Digitale Kompetenzen verstärkt in der Ausbildung inkludieren Noch werden digitale Systeme nicht flächendeckend eingesetzt – weder im privaten noch beruflichen Kontext. „In der Gesundheits versorgung hinken wir in Deutschland in der Digitalisierung noch hinterher. Vor allem verglichen mit anderen Bereichen wie der In dustrie oder Landwirtschaft, wo jedes Nutzfahrzeug unzählige Sen soren hat“, erzählt Sandra Strube-Lahmann. Gerade die Pflege gilt als Nachzügler. Um die Digitalisierung und die Nutzung digitaler Tools voranzutreiben, hält sie es für unerlässlich, digitale Kompe tenzen verstärkt in der Aus-, Fort- und Weiterbildung zu inkludieren. Außerdem müssen mehr erfolgreiche Forschungsprojekte in die Regelversorgung überführt werden. Darum geht es im Projekt Cluster Zukunft der Pflege 2.0, das sich seit diesem Juni in der zwei ten Förderphase des BMBF befindet und bei dem Sandra Strube- Lahmann ebenfalls beteiligt ist. Das Ziel ist es, technologische In novationen in der Gesundheitsversorgung zu implementieren. Das Cluster besteht aus einem Pflegeinnovationszentrum in Olden burg und vier Pflegepraxiszentren in Berlin, Freiburg, Hannover und Nürnberg. Während in der ersten Förderphase die Nutzung innovativer Pflegetechnologien unter kontrollierten Bedingungen erforscht und weiterentwickelt sowie in den Pflegepraxiszentren im pflegerischen Regelbetrieb erprobt wurden, agiert das Cluster in der zweiten Förderphase nun als gemeinsamer Transfer- und In novationshub, um die Potenziale neuer Pflegetechnologien in die Praxis zu heben. Für Sandra Strube-Lahmann geht das alles schon in die richtige Richtung. Optimistisch urteilt sie: „Jetzt nimmt die Digitalisierung langsam wirklich Fahrt auf“. Beim Projekt „Stay@Home – Treat@Home“ können noch Ber liner Hausärzt:innen teilnehmen. Weitere Informationen unter: www.sth-berlin.org/kontakt
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Nutzen Ältere digitale Tools?
„Wir haben eine unglaublich große Bandbreite an positiven Effekten, die erzielt werden können, wenn man technologische Innovationen adäquat und zielgerichtet einsetzt“, sagt Dr. Sandra Strube-Lahmann.
Oft wird pauschal angenommen, dass ältere Menschen digita len Anwendungen generell eher skeptisch gegenüberstehen. Die achte Altersberichtskommission betonte in ihrem Bericht, dass ältere Menschen – genauso wie Menschen anderer Altersgruppen – in der Lage sind, Kompetenzen zu entwickeln, die nötig sind, um in der digitalen Welt souverän zu agieren. Auch in der Studie „Ho hes Alter in Deutschland (D 80+) “ lautete ein Ergebnis, dass sehr alte Menschen gegenüber moderner Technik nicht grundsätzlich ablehnend eingestellt sind. Zwar vertrete etwa jede dritte Per son (eher) negative Einstellungen gegenüber moderner Technik. Ein vergleichbar großer Anteil interessiere sich jedoch durchaus für moderne Technik und sehe Vorteile in ihr. Diese Erfahrung – wenn auch nicht zwangsläufig mit Hochaltrigen – hat Dr. Sandra Strube-Lahmann in ihren Forschungsprojekten ebenso gemacht: „Menschen sind hinsichtlich ihrer eigenen Prävention und Gesun derhaltung zunehmend darauf fokussiert, dafür auch digitale Neu erungen zu nutzen. Sie zeigen großes Interesse für Notfall-Apps oder Sturzsensorik und vermehrt für telebasierte Versorgung – wenn ältere Menschen einen Gewinn in der Nutzung eines Tools sehen, sind sie in der Regel sehr positiv gegenüber diesen Innova tionen eingestellt.“ Dennoch: Smart Home-Anwendungen, diese schließen den Hausnotruf mit ein, sowie digitale Anwendungen wie Gesundheits Apps werden von weniger als zehn Prozent der über 60-Jährigen in Deutschland genutzt, wurde der Forschungsstand im achten Al tersbericht zusammengefasst. Es gibt zudem noch wenige Studien darüber, ob und wie ältere Menschen digitale Technologien über haupt nutzen und welche Vorteile sie in ihrem Alltag daraus zie hen können. Das Urteil der Kommission des achten Altersberichts lautete, dass „die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen dem Megatrend Digitalisierung und dem Leben älterer Menschen in der allgemeinen Debatte über Digitalisierung wie auch in konkreten Strategien zur Gestaltung der Digitalisierung bislang viel zu wenig thematisiert und beachtet“ werden. Das brauche es aber, um die Bedarfe älterer Menschen und ihrer Bezugspersonen überhaupt zu treffen, Nutzer:innen nicht zu überfordern, negative Altersbilder nicht zu verstärken, das Risiko von Datenmissbrauch zu verhin dern und ethische Aspekte nicht zu vernachlässigen. Nutzen und
Akzeptanz von digitalen Gesundheitstechnologien hingen zudem davon ab, ob ältere Nutzer:innen digitale Technologien kompetent bedienen können und in welchem Maße bei ihnen grundlegende Gesundheitskompetenzen vorhanden sind. „Traditionelle Untersuchungen in der Klinik oder Praxis sind umständlich, kostspielig und bieten nur eine begrenzte kontinuier liche Überwachung, die für die alternde Bevölkerung zunehmend unzureichend ist. Digitale Technologien, insbesondere tragbare Geräte, könnten hier helfen, indem sie eine kontinuierliche Ge sundheitsversorgung aus der Ferne ermöglichen, wovon insbe sondere ältere Erwachsene profitieren“, erläutert Prof. Dr. Michael Denkinger. Mit tragbaren Geräten könnten Vitalparameter und bio metrische Daten kontinuierlich überwacht werden, was ein recht zeitiges Eingreifen ermögliche und geografische Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung verringere. „Die COVID-19-Pandemie hat die Nachfrage nach Telemedizin beschleunigt. Und es wird erwartet, dass die Wearable-Technologie in der künftigen Gesund heitsversorgung eine wichtige Rolle spielen wird“, so Denkinger. „Diese Geräte können eine Vielzahl von Gesundheitsindikatoren – von der Herzfrequenz bis hin zu chemischen Biomarkern – erfas sen und bieten so eine umfassende Überwachung.“ Nicht-tragbare Sensoren in intelligenten Häusern könnten zudem die Altenpflege weiter verbessern, indem sie das Verhalten und den Gesundheits zustand ohne Benutzerinteraktion überwachen. Trotz der vielen Chancen, die sich durch die Digitalisierung gerade in der Gesundheitsversorgung älterer Menschen bieten, es bleiben auch große Herausforderungen zu bewältigen. „Die Si cherstellung der Nutzbarkeit dieser Geräte für gebrechliche älte re Menschen, der Datenschutz und die Notwendigkeit einer groß angelegten Validierung der Genauigkeit dieser Geräte“, zählt Den kinger auf. Im Projekt Daheim Dank Digital werden aktuell digitale Alltagshelfer vom Forschungsteam der Agaplesion Bethesda Klinik Ulm auf ihre Tauglichkeit bei älteren Personen mit Frailty getestet. Können digitale Tools ein selbstständiges Leben unterstützen? „So viel sei verraten: Die meisten taugen (noch) nichts“, meint Michael Denkinger. www.daheim-dank-digital.de
Wissen Patient:innen mit Inkontinenz, dass sie rechtzeitig über den nächsten Toilettengang informiert werden, trinken sie auch mehr – denn die Sorge vor dem Kontrollverlust wird gemindert.
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